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„Es war schrecklich“ – Zeitzeugin Hildegard Karch berichtet an der MPR über den Luftangriff auf Bruchsal am 1. März 1945

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„Es war schrecklich“ – Zeitzeugin Hildegard Karch berichtet an der MPR über den Luftangriff auf Bruchsal am 1. März 1945

Geschichtsunterricht hautnah

In der Max-Planck Realschule in Bretten herrscht gespannte Stille. Die Klasse 9b hat sich im Geschichtsunterricht intensiv mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Nationalsozialismus befasst. Heute sitzt eine besondere Besucherin vor ihnen: Hildegard Karch, 90 Jahre alt, Mutter der Konrektorin Christine Karch, ist Zeitzeugin der dramatischen Luftangriffe auf Bruchsal. Ihre Erinnerungen sind geprägt von Angst, Verlust und Hoffnung – und sie teilt sie offen und emotional mit den Jugendlichen.

Bereits vor dem schicksalhaften Tag, der in Bruchsal alles veränderte, brachten alliierte Jagdbomber – von den Menschen damals nur „Jabos“ genannt – Angst und Schrecken über Bruchsal.

Am 1. März 1945, nur wenige Tage nach dem verheerenden Angriff auf Pforzheim, bei dem fast 18.000 Menschen starben und der Feuerschein bis nach Bruchsal zu sehen war, wurde auch Bruchsal zum Ziel alliierter Bomber. Innerhalb von 42 Minuten fielen über 900 Tonnen Bomben – 900 Sprengbomben und fast 50.000 Stabbrandbomben – auf die Stadt. Die Altstadt wurde zu 90% zerstört, mehr als 1.000 Menschen verloren ihr Leben.

„Wir haben den Feuerschein von Pforzheim gesehen. Ich dachte, so etwas kann doch nicht noch einmal passieren. Aber dann kam der 1. März… Es war schrecklich.“

„Der Himmel war voller Flugzeuge“, Hildegard Karch beginnt zu erzählen, ihre Stimme zittert leicht:

„Wir hörten die Sirenen, dann das Dröhnen der Motoren. Plötzlich war es, als würde die Welt untergehen.“

„Der Angriff am 1. März verlief in drei Wellen. Während der ersten Welle waren wir Kinder im Keller, meine Mutter auf dem Feld und mein Vater bei der Arbeit. Eine Bombe fiel in die benachbarte Scheune, der französische Zwangsarbeiter Willi hat uns aus dem Keller geholt und uns über den Garten aus der Stadt gebracht. Die Gebäude neben uns haben schon gebrannt. Auf dem freien Feld hat er immer wieder in den Himmel geschaut, von wo während der 2. Angriffswelle die Flieger kamen. Wenn Bomben fielen, haben wir uns eben auf den Boden gelegt und wenn es möglich war, sind wir weitergelaufen. Unser Ziel war ein Wetterhäuschen, die es um Bruchsal herum immer noch gibt. Am Ende dieses Angriffs kam uns mein Vater entgegen und teilte uns mit, dass meine Mutter in dem Wetterhäuschen sitzt. So sind wir weiter zu diesem Häuschen gerannt und haben dort unsere Mutter angetroffen. Gemeinsam haben wir hier ausgeharrt, bis die 3. Welle vorüber war. Mein Vater ist in die Stadt geradelt, um dort nach unserem Haus zu schauen. Dort stand allerdings nichts mehr.“

Die Schülerinnen hängen an den Lippen der 90-jährigen Seniorin, hören aufmerksam zu und stellen immer wieder Fragen, so möchte Mürsel Dolan wissen, ob man damals nicht mitbekommen habe, dass die jüdische Bevölkerung abtransportiert und verschleppt wurde. „Ich habe das schon gesehen, dass die Menschen wie Vieh verladen wurden, aber ich war noch zu klein, um die Zusammenhänge zu verstehen.“ Matilda Hof fragt, wie man dies mental überhaupt bewältigen könne. „Ich war damals zehn Jahre alt, aber ich habe Dinge gesehen, die kein Kind sehen sollte. Der Krieg hat mich geprägt“, so Hildegard Karch, die aber auch zu verstehen gab, dass es „einen Zusammenhalt, eine Solidarität gab, da alle das Gleiche durchmachen mussten.“ Doch nicht alles war in der städtischen Gemeinschaft von Menschlichkeit geprägt, es gab auch Denunzianten, die immer wissen wollten, ob „Zuhause ein Bild vom Hitler hängt“.

Tim Roth stellt der Bruchsalerin die Frage, wie sie es geschafft habe, nach dem Krieg weiterzumachen, weiterzuleben.

Hildegard Karch denkt kurz nach: „Man muss weitermachen. Es gab keine andere Wahl. Wir haben Trümmer weggeräumt, uns gegenseitig geholfen. Wir sind im Haus der Großeltern untergekommen, es war keine sehr liebevolle Zeit.“ So zitiert sie ihre Großmutter, die zu ihr sagte:“ Es gibt nur Beten, Arbeiten, aber keine Freude.“ An dieser Stelle merkt man, wie sehr sie diese Aussage immer noch emotional mitnimmt.

Weiter führt sie aus, dass es auch nach Kriegsende nicht viel besser wurde. Es war zwar nun Frieden, aber die französischen Truppen terrorisierten die Bevölkerung weiterhin. „Wir waren froh, als die Amerikaner dann die Stadt übernahmen und für Ruhe und Ordnung sorgten.“

Elina Ehrensberger geht auf das Gesagte ein und möchte gerne einen Ratschlag, wie man so etwas Schreckliches vermeiden könne.

Hildegard Karch richtet eindringliche Worte an die Jugendlichen:

„Haltet zusammen, helft einander, streitet und vertragt euch – und lasst euch nie von Hass oder Angst leiten. Das ist das Wichtigste, was ich euch mitgeben kann.“

Die Erzählungen von Hildegard Karch sind für die Schülerinnen und Schüler der 9b mehr als bloße Geschichtsstunde. Sie sind ein Fenster in eine Zeit, in der Solidarität und Verrat, Angst und Hoffnung dicht beieinanderlagen. Ihre Worte lassen die Schrecken des Krieges lebendig werden – und mahnen, wie wertvoll Frieden, Freiheit und Zusammenhalt sind.

Ihre Erinnerungen machen deutlich, wie tief die Wunden des Krieges sitzen – und wie wichtig es ist, sich für Frieden, Solidarität und Menschlichkeit einzusetzen. Die Schülerinnen und Schüler der 9b tragen diese Botschaft hoffentlich weiter – als Mahnung und als Auftrag für die Zukunft. „Vergesst nie, wie wertvoll das Leben ist. Unterstützt euch, wann immer ihr könnt, Ich wünsche mir, dass ihr nie erleben müsst, was wir damals durchgemacht haben“ – so Hildegard Karch.

Hintergrund: Die Zerstörung von Bruchsal und Pforzheim

  • Bruchsal, 1. März 1945: Über 900 Tonnen Bomben, davon 900 Spreng- und fast 50.000 Brandbomben, zerstören das Stadtzentrum nahezu vollständig. Mehr als 1.000 Menschen sterben, die Altstadt liegt in Trümmern.
  • Pforzheim, 23. Februar 1945: Nur wenige Tage zuvor wird Pforzheim in 22 Minuten fast vollständig zerstört. Fast ein Viertel der Bevölkerung stirbt, der Feuerschein ist bis Bruchsal sichtbar.